Spatzen im Hochbeet
Ich sitze schon gefühlt Stunden vor meinem Küchenfenster und warte darauf, dass die gefiederten Leichtmatrosen bei mir auf dem Balkon landen. Es fühlt sich fast wieder wie in der Kindheit an, als man auf die Bescherung an Heiligabend gewartet hat.
Dann, als ginge die Tür zum Weihnachtszimmer auf, lugt der erste Piepmatz keck um die Ecke vom Nachbarbalkon. Dann erscheint ein zweiter Piepmatz, der mutig auf dem Balkongeländer landet. Ihre Köpfe gehen schnell hin und her. Sorgsam scannen sie die Umgebung ab. Es darf ihnen nichts entgehen. Sie sind die Vorboten, die Späher, die Wegbereiter zum Futterhäuschen. Dann erscheint noch ein dritter Frechdachs, der sich gleich auf der Brüstung positioniert. Er bläht sich auf und scheint um ein Vielfaches zu wachsen. Ein kleiner Hulk, nur in einem zarten Braun. Dann flattert er wild entschlossen hin und her und landet sicher auf seinem Beobachtungsposten. Dann kommen die Kollegen dazu und sie sitzen im Spalier auf ihrem Wachposten.
Ich frage mich, weshalb diese Aufregung. Es ist doch weit und breit nichts zu sehen. Keine Katze zu fürchten, da sie mich im vierten Stock besuchen und meine Wohnung haustierfrei ist, und am Himmel nur leichte Schäfchenwolken.
Aber Ordnung muss wohl sein.
Was wohl als Nächstes geschieht?
Ich möchte am liebsten meine Nase an das Fenster drücken. Ich kann mich gerade noch beherrschen. Das Protokoll der kleinen gefiederten Freunde muss korrekt abgearbeitet werden. Ein letzter Blick, alles in Ordnung.
Ich spitze meine Ohren und beginne selbst, jeden Fleck auf dem Balkon abzuscannen, um den Ansturm der Piepmätze nicht zu verpassen.
Meine Augen werden zu kleinen Schlitzen. Sie brennen leicht. Heute will ich es genau mitbekommen – nichts verpassen. Ein kurzes Blinzeln – wieder verpasst.
Aus dem Nichts füllt sich der Balkon mit einer wilden Horde Spatzen. Sie stürmen das Hochbeet, wo sie um ihr Futter wissen. Es wird gedrängelt, gehackt, geschubst.
Sobald einer seinen Schnabel mit Kernen gefüllt hat, nimmt er unter dem Schutz des Balkongeländers Platz und knackt genüsslich seine Beute. Er thront so dicht an der Balkonkante wie ein Turmspringer auf dem 10-Meter-Brett kurz vor dem Absprung.
Einige Spatzen gesellen sich dazu, andere bleiben in der Mitte des Balkons sitzen, knacken ihre Sonnenblumenkerne und verteilen die Hülsen großzügig über den Balkon.
Einer ist dabei, den interessiert das ganze Gewusel scheinbar nicht.
Er äugt zu mir herüber, als würde er mich hinter der Glasscheibe erahnen. Er beobachtet still, leise und vorsichtig. Doch seine Neugier ist groß. Größer als seine Angst.
Er hüpft Richtung Fenster.
Einmal. Zweimal.
Er beobachtet mich. Ich beobachte ihn.
So ein furchtloser Bursche!
Plötzlich ertönt ein Warnsignal vom Wachpersonal.
Die wilde Horde löst sich in null Komma nichts auf, als wären sie nie dagewesen.
Was bleibt, sind die Hülsen der Sonnenblumenkerne.
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